(Alltags-)Heldenmomente

An dieser Stelle posten wir kleine Held:innengeschichte aus unserem Praxisalltag bzw. vielmehr aus dem Alltag unserer kleinen und großen Held:innen.

Der Klient kann mit seiner Hemiparese im rechten Arm seine Schuhe nicht fest schließen und knickt regelmäßig um. Er besitzt zwar Schuhe mit Schnellverschluss, aber auch diese brauchen eine Haltehand und eine Hand, die die Zuglasche festzieht.

Also haben wir gemeinsam getüftelt und gewerkelt und ein Hilfsmittel gebaut, dass es erlaubt, den Schuh nur mit Hilfe einer Hand fest zu verschließen. Indem er seinen Fuß auf die Vorrichtung stellt, die Öse in den Haken hängt, am Verschluss zieht und anschließend die Öse wieder aushängt kann der Klient seine Schuhe nun fest am Fuß tragen. Er ist sehr zufrieden und hat dieses Hilfsmittel nahezu täglich im Einsatz.

08.10.2024

Das Mädchen wurde mir als sehr introvertiert vorgestellt. Es war ihr damals nicht möglich, die Erzieher:innen in der KiTa um Hilfe zu Fragen, Anliegen zu formulieren und eigene Bedürfnisse zu äußern. Den Zugang zu ihr habe ich in einem lockeren Interview, der “BOO – Box of Occupation” und meiner Empathie schnell herstellen können. Als Ziele haben wir (das Mädchen, die Erzieherin, der Papa und ich) folgendes formuliert: “Ich bitte die Erzieher:innen um Hilfe, wenn ich beispielsweise meine Kleidung nicht alleine angezogen bekomme.”; “Im Morgenkreis formuliere ich mindestens einen gut hörbaren Satz zu meinem vergangenen Wochenende.”; “Ich finde im Freispiel draußen 3 Aktivitäten, zusätzlich zum Dreirad.”; “Ich sage anderen Kindern, wenn ich in Ruhe gelassen werden möchte”

Die Eltern und Erzieher:innen wurden zum kleinschrittigen Lob angeleitet. Das Mädchen hat diese Strategie schnell für sich aufgegriffen und mit Selbstlob gegen ihre Ängste gefeuert. Wir haben unter anderem zusammen “erforscht”, was Mut bedeutet und wie die anderen Kinder es beispielsweise schaffen, die Kletterburg zu bezwingen, andere Fahrzeuge zu steuern und Anliegen den Erzieher:innen gegenüber zu formulieren. Durch Coaching, positive Begleitung und Miniaufträge ist das Mädchen deutlich “gewachsen”. Sie kann sich gegenüber anderen Kindern behaupten und steht für sich ein. Ihre gesamte Körperhaltung und Erscheinung wirkt selbstsicherer, offnener und viel positiver in der Stimmungslage und Interaktion.

22.05.2024

Ein motorisch ungeschickterer Klient im Vorschulalter zeigt mir in einer Einheit, wie toll er Knoten in ein Springseil machen kann. Warum er das tut? Hat er in der Kita probiert und wollte es mir gern zeigen.

Auf meine Frage hin, ob er denn auch schon einmal eine Schleife probiert hat schüttelt er betrübt den Kopf und meint, dass ihm das einfach nicht gelingen will.. Ich leihe ihm meinen Schuh (wegen Kontext und so) und lasse mir zeigen, welche Tricks er denn schon beherrscht. Das Ergebnis ist zu Beginn minimal ernüchternd. Durch die geleitete Entdeckung und indem er den einzelnen Handlungsschritten eigene Worte verleiht kann er das Gesehene in Windeseile umsetzen. Dabei war er so fokussiert wie ich ihn selten erlebt habe.

Ich staune immer wieder, welche „Zauberkraft“ in dieser Strategie steckt.

Der Junge war irre stolz und hat den Erfolg sofort seinem Papa präsentiert, ein Video für die Mama aufnehmen lassen und dann sogar den Transfer geschafft und ruckzuck das Springseil vom Anfang mit einer Schleife versehen.

25.04.2024

Die allein lebende Klientin hat das Ziel, ihre Alltagsaktivitäten möglichst schmerzfrei und mit gutem Energiemanagement zu wuppen.

In ihrem lieblichen kleinen Häuschen nutzt sie einen Kaminofen als Heizquelle. Mehrmals täglich muss sie Holz aus dem Vorrat im Garten holen und ins Haus bringen. Ihre Erkrankung hat zur Folge, dass sie dies nur mit großer Anstrengung bewältigt. In der Analyse zeigte sich deutlich, dass sie zum Gehen auf unebenem Gelände eine Möglichkeit benötigt, um sich abzustützen und die Hände dafür frei braucht. Die anschließende Strategiefindung brachte uns bzw. vielmehr die Klientin zu dem Plan, das Holz in einer Art Rucksack oder in einem Korb auf dem Rücken zu transportieren.. Also haben wir uns dran gemacht, diesen über Stunden hinweg zusammen zu flechten….. Nein Quatsch!!

Der Klientin kam die Idee, einen ihrer vorhandenen Wäschekörbe zu einem Rückentragekorb umzugestalten. Es war ihr Wunsch, die notwendigen Arbeitsschritte gemeinsam mit der Therapeutin abzuarbeiten und wir passten diesen Korb innerhalb der Therapie an und entwickelten Ideen zur Praktikabilität. Mittlerweile hat die Klientin diesen Korb im Einsatz und ist vom Ergebnis und der damit gewonnenen Selbstständigkeit begeistert.

13.04.2024

Das Klientenmädchen kam vor zehn Einheiten in meine Ergotherapie. Damals war ich mir nicht sicher, ob dies das richtige Setting für die erhobenen Betätigungsprobleme sein kann oder statt dessen eine andere Profession sich derer annehmen sollte.

Wir gingen den Weg wie gehabt: Problemerhebung, Zielvereinbarung, Betätigungsanalyse, Strategievermittlung, Psychoedekuation – also Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten. Nach nur einer Verordnung ist die Performanz (= die Ausführung) in allen eingeschränkten Bereichen in der Zufriedenheit aller Beteiligten so weit gestiegen, dass die Therapie beendet werden kann.

Die Helden in diesem Moment: das taffe Mädchen, dass sich bedingungslos auf die Therapie eingelassen hat und sehr gut reflektiert und neugierig durch einzelne Etappen ging, die Mutter bzw. die Eltern, die vermittelte Strategien im Alltag erprobt, angepasst, ergänzt und integriert haben UND die moderne Ergotherapie, die uns Ergotherapeut:innen befähigt Betätigungsprobleme durch Anpassung der Umwelt, der Betätigung und persönlicher Gegenbenheiten der Klient:innen zu bearbeiten. SO AMAZING!

21.03.2024

Der Klient ist schon immer begeisterter Sportler und kann sich nach einem längeren Tief wieder ermutigen, den Fitnessraum des örtlichen Vereins regelmäßig zu nutzen. Dabei ist es ihm wichtig, auch den rechten Arm, der auf Grund einer Hemiparese stark eingeschränkt ist, einzubeziehen und bestenfalls zu trainieren.

In der Ergotherapie haben wir Anpassungen gefunden, wie er die betroffene Seite selbstständig mit einfachen Mitteln an den Geräten fixieren kann und somit auch trainiert bzw. diese in die Bewegungsausführung einbezieht.

Das Tolle dabei: im Kontext Fitnessraum und der damit verknüpften Ausführung motivierter Bewegungen ist ein deutlich höheres Bewegungsausmaß und deutlich mehr Muskelaktivität erkennbar als bei “stupiden” motorischen Übungen die der Klient bisher für das häusliche Training nutzte.

14.03.2024

Wie bekommt man einen 4-Jährigen zum Haare schneiden? Ohne Angst, selbstbestimmt und das obwohl das Kind unbeschreibliche Angst vor der Schere hat?

Nach einer intensiven Vorbereitungszeit, inklusive der sanften Gewöhnung an die Schere, an das Geräusch beim Schneiden, eigener Exploration, an den Ablauf und der Simulation wenn das Kuscheltier-Krokodil mit der langen Haarsträhne zum Friseur geht, hat es der kleine Mann tatsächlich geschafft: Ganz mutig kam die lange Mähne ohne Weinen und ganz freiwillig direkt in der Therapieeinheit ab.

Nicht nur das Kind war hier ein Held. Auch Mama und Papa, die nun endlich die langen Kleinkindhaare abschneiden konnten, können sich für ihre Geduld und Beharrlichkeit feiern. Der Kleine hat seine Entscheidung keine Sekunde bereut.

08.03.2024

Eine ehemalige Praktikantin konnte bei uns die betätigungszentrierte Ergotherapie in der Praxis erfahren. Dank ihrer Ausbildung hatte sie da bereits gute Vorkenntnisse, die sie bei uns mit Inhalten füllen und erweitern konnte.

Leider, aber auch verständlich, entschied sie sich nach der Ausbildung für eine Arbeitsstelle in Wohnortnähe. Ein halbes Jahr später ist ihr Frust in Anbetracht der evidenzfreien Arbeitsweise und ausbleibenden Reflektionsbereitschaft der Kolleg:innen so groß, dass sie sich für einen Wechsel in meine Praxis entschieden hat und wir sie bald als neues Teammitglied begrüßen dürfen.

Alleine schon wenn sie ihre Auffassung von Ergotherapie kommuniziert macht unser Herz einen Freudentanz!

01.03.2024

Acht Jahre nach dem Schlaganfall wieder alleine leben?

Sich als erwachsene Frau nicht mehr den Eltern unterzuordnen bzw. an deren Lebensstil anpassen zu müssen, nach dem diese einen nach dem Ereignis bei sich aufgenommen hatten, sondern sich wieder selbst um seine Wohnung, das Kochen, den Haushalt und die Kinder kümmern.

Gemeinsam mit der Ergotherapeutin gestaltet die Klientin ihre Wohnung so aus und um, dass der Traum vom selbständigen Leben (wieder) Wirklichkeit werden kann.

15.02.2024

´´Zu Fasching schmücken wir unsere KiTa mit bunten selbstgebastelten Girlanden aus Papier. Das möchte ich unbedingt auch können, aber irgendwie klappt das nicht.

Mit meiner Ergotherapeutin habe ich überlegt, welche Schritte dafür notwendig sind, welches Material ich brauche und was der Reihe nach zu tun ist. Das haben wir dann aufgemalt – ich kann ja noch nicht lesen. Jetzt weiß ich, wie ich arbeiten muss und worauf ich achten muss.

Auf meine selbstgebastelte Papiergirlande bin ich voll stolz!

Meine Erzieherin fand die Idee so toll, dass sie sie gleich für die gesamte Gruppe benutzt hat.ˋˋ

07.02.2024